Medienethische Perspektive auf vernetzte Öffentlichkeit

Sowohl Angie als auch der kanadische Schüler haben durch ihre Videos unfreiwillig Berühmtheit erlangt. Die Medienwissenschaftlerin Theresa Senft vergleicht diesen Prozess der Popularisierung mit Prominenten, deren Berühmtheit jedoch in der Regel

  1. beabsichtigt und
  2. in eine Kultur struktureller Unterstützung durch Manager, Verlage, Produktionsfirmen etc. eingebettet ist.

‚Tokio Hotel-Angie‘ und ‚Star Wars Kid‘ haben diesen professionellen Background nicht, ihre „Micro-celebritiy“ (Senft 2008, S. 25ff.) ist eine unbeabsichtigte, die Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wurde, war wortwörtlich überwältigend.
Zwar unterscheidet sich die Dynamik des Cybermobbings, mit denen Jugendliche konfrontiert werden könnten, nicht wesentlich vom Mobbing in der Schule. Allerdings – und das haben Sie vielleicht erfahren durch die Auseinandersetzung mit dem Medienbegriff Marshall McLuhans – können deutlich mehr Menschen auf diese Dynamik reagieren.

 

Die meisten Ihrer (zukünftigen) Schülerinnen und Schüler bewegen sich freiwillig in vernetzte Öffentlichkeiten, nicht zuletzt um ihren Ruf zu pflegen, sich ihres sozialen Status zu versichern und Anerkennung der Peer-Group zu erhalten.
Sie als Lehrerin und Lehrer, Pädagoge und Pädagogin werden Ihre Schülerinnen und Schüler dabei nicht vor allen Formen der Verletzung bewahren können, die sich in den zwischenmenschlichen Konflikten, die Kommunikation in sozialen Medien häufig mit sich bringt, ereignen.

 

Ein (ggf. medienskeptischer) Ruf nach einer Einschränkung der Zugänglichkeit und Nutzung sozialer Medien für Jugendliche, die sich gehässig und niederträchtig in sozialen Medien verhalten, ist jedoch häufig nicht besonders nachhaltig bzw. naiv, da er die Lebenswirklichkeit der Jugendlichen verkennt. Zielführender ist es zu reflektieren, welche Motivation hinter derartigen Akten steht (vgl. Boyd 2014, S. 155), und entsprechend damit umzugehen.

„[W]ir können eine gemeinsame Anstrengung unternehmen, um ihr Selbstbewusstsein und ihre Selbstbehauptungskräfte zu stärken, damit sie robuster werden und erkennen, warum sie selbst andere verletzen. Wenn Jugendliche die Stärke besitzen, mit belastenden Situationen umzugehen, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sie versuchen, die Situation zu eskalieren, oder selbst von einem negativen Erlebnis emotional erschüttert werden. Wenn sie verstehen, wie sich ihre Handlungen auf andere auswirken, entwickeln sie eine größere Sensibilität für die Konsequenzen ihrer Worte und Taten.“
(Boyd 2014, S. 155)

Wir haben lange diskutiert, ob es medienethisch vertretbar ist, die Videos von Angie, Rebecca Black und Star Wars-Kid in diese Lernumgebung zu integrieren. 
Diskutieren Sie Ihre Einschätzung!