Wie reagiert Gesellschaft auf den Leitmedienwechsel?

Im Zusammenhang mit der Digitalisierung wird oft von einer Digitalen Revolution gesprochen, die auf eine Stufe mit der industriellen Revolution gehoben wird und mit fundamentalen Auswirkungen auf die Gesellschaft einhergeht. Der Kulturtheoretiker Dirk Baecker bringt dies in den Zusammenhang mit einem Leitmedienwechsel.

Wir haben es mit nichts geringerem zu tun als mit der Vermutung, dass die Einführung des Computers für die Gesellschaft ebenso dramatische Folgen hat wie zuvor nur die Einführung der Sprache, der Schrift und des Buchdrucks. Die Einführung der Sprache konstituierte die Stammesgesellschaft, die Einführung der Schrift die antike Hochkultur, die Einführung des Buchdrucks die moderne Gesellschaft und die Einführung des Computers die nächste Gesellschaft. Jedes neue Verbreitungsmedium konfrontiert die Gesellschaft mit neuen und überschüssigen Möglichkeiten der Kommunikation, für deren selektive Handhabung die bisherige Struktur und Kultur der Gesellschaft nicht ausreichen. Jede Einführung eines neuen Verbreitungsmediums muss daher zur Umstellung dieser Struktur und dieser Kultur führen, soll sie auf breiter Front überhaupt möglich sein. Andernfalls wird das neue Medium auf eine periphere Verwendungsform beschränkt.

Baecker, Dirk (2007): Studien zur nächsten Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S.7.

Doch wie reagiert die Gesellschaft auf diese Leitmedienwechsel? Nicht immer fallen Reaktionen auf neue Medien positiv aus. Drei skeptische Reaktionen aus Vergangenheit und Gegenwart:
„Denn diese Erfindung [der Schrift] wird den Seelen der Lernenden viel mehr Vergessenheit einflößen aus Vernachlässigung der Erinnerung, weil sie im Vertrauen auf die Schrift sich nur von außen vermittels fremder Zeichnen, nicht aber innerlich sich selbst und unmittelbar erinnern werden. Nicht also für die Erinnerung, sondern für das Erinnern hast du ein Mittel erfunden, und von der Weisheit bringst du deinem Lehrlingen nur den Schein bei, nicht die Sache selbst. […] Wer also eine Kunst in Schriften hinterläßt, und auch wer sie aufnimmt, in der Meinung, daß etwas Deutliches und Sicheres durch die Buchstaben kommen könne, der ist einfältig genug und weiß in Wahrheit nichts von der Weissagung des Ammon, wenn er glaubt, geschriebene Reden wären noch sonst etwas als nur demjenigen zur Erinnerung, der schon das weiß, worüber sie geschrieben sind.“ (Platon: Phaidros. In: Ders.: Sämtliche Werke. Bd. 2: Lysis, Symposion, Phaidon, Kleitophon, Politeia, Phaidros. Übers. von Friedrich Schleiermacher. Auf der Grundlage der Bearbeitung von Walter F. Otto u. a. neu hrsg. von Ursula Wolf, 32. Aufl., Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2008, S. 603f.)

Antikes Schriftdokument

Der Anfang des Phaidros in der ältesten erhaltenen mittelalterlichen Handschrift, dem 895 geschriebenen Codex Clarkianus (Oxford, Bodleian Library, Clarke 39)
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„Die erzwungene Lage und der Mangel aller körperlichen Bewegung beym Lesen, in Verbindung mit der so gewaltsamen Abwechslung von Vorstellungen und Empfindungen [erzeugt] Schlaffheit, Verschleimung, Blähungen und Verstopfung in den Eingeweiden, mit einem Wort Hypochondrie, die bekanntermaaßen bey beydem, namentlich bey dem weiblichen Geschlecht, recht eigentlich auf die Geschlechtstheile wirkt, Stockungen und Verderbniß im Bluthe, reitzende Schärfen und Abspannung im Nervensysteme, Siechheit und Weichlichkeit im ganzen Körper.“
(Bauer, Karl Georg: Über die Mittel, dem Geschlechtstrieb eine unschädliche Richtung zu geben. Leipzig: 1791. S. 190)

Auguste Toulmouche - Dolce far niente

Auguste Toulmouche (1877) – Dolce far niente
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“Kino wie Radio eliminieren jenes geheimnisvolle Fluidum, das sowohl vom Künstler wie vom Publikum ausgeht und jede Theatervorstellung, jedes Konzert, jeden Vortrag zu einem seelischen Ereignis macht. Die menschliche Stimme hat Allgegenwart, die menschliche Gebärde Ewigkeit erlangt, aber um den Preis der Seele. Es ist der Turmbau zu Babel. […] Es werden durch Rundfunk bereits Nachtigallenkonzerte und Papstreden übertragen. Das ist der Untergang des Abendlandes.” (Egon Friedell (1931): Turmbau zu Babel. Aus: Texte.Medien 2000, S. 222)

Egon Friedell
Egon Friedell
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